Anweiden- Eine Wissenschaft für sich?
Jedes Jahr aufs neue im Frühjahr überlege ich mir wie ich das Anweiden am besten mache. Wann starte ich mit der Weidesaison? Wie langsam oder schnell steigere ich? Daraus kann man schon eine Wissenschaft machen und jeder Stallbesitzer muss da seinen eigenen Weg finden. Für mich ist es jedes Jahr wieder eine große Herausforderung, weil doch sehr viel Gesundheit davon abhängt wie gut man die Futterumstellung hin kriegt. Bis jetzt habe ich es jedes Jahr noch etwas anders gemacht als im Vorjahr, weil ich noch nicht die absolut beste Variante gefunden habe. Auch heuer habe ich nochmal was umgeändert.

Zum Zeitpunkt kann ich für mich sagen: Das Gras muss schon Bierflaschenhöhe haben. Ich hatte heuer im Winter den Paddock um eine Fläche erweitert, auf der im Frühjahr auch etwas Gras gewachsen ist. Ende Februar/Anfang März hat auf einmal das Gras zu wachsen begonnen. Gleichzeitig hat Bobby auf einmal etwas Kotwasser bekommen. Da war für mich klar, die Paddockerweiterung wird erstmal geschlossen, obwohl es toll war etwas mehr Platz für die Pferde zu haben. Wachsendes Gras ist aber anscheinend nicht geeignet für die Verdauung eines Tinkers. Generell hätte es mir durchaus gefallen, wenn die Pferde sozusagen immer etwas frisches Gras genagt hätten und sich so vielleicht selber langsam im Laufe des Frühjahres anweiden. Aber das hat nicht funktioniert. Mir ist sowas zu heikel. Ich will keine Hufrehe riskieren.
Daher erstmal kein Gras im frühen Frühjahr. Erst als Anfang April das Gras dann richtig zu schieben begonnen hat sind wir losgestartet. Das Gras hatte für mich zu dem Zeitpunkt die richtige Höhe und die Pferde waren natürlich auch schon voller Vorfreude. Die letzten Jahre hatte ich immer die ersten 5 Tage mit Grasen an der Hand mit 5-10 Minuten begonnen, bevor ich sie dann getrennt voneinander auf ein sehr kleines Stück Gras gestellt habe. Heuer habe ich auf das Handgrasen verzichtet und habe beide zusammen gleich auf die erste Weideparzelle gestellt. Anfangs für ca. 10 Minuten. Das hat mir sehr gut gefallen, weil sie sich auf der Parzelle auch mal austoben konnten. Nachdem bei mir alles Halfter frei funktioniert, ist es kein Problem die beiden wieder von der Fläche zu kriegen. Ich brauche sie nur runterzutreiben, und nachdem meine Parzellen nicht unendlich groß sind und die Pferde es gewohnt sind getrieben zu werden ist dies kein Problem.

So haben sie anfangs auch nicht 10 Minuten durchgefressen sondern sind in den ersten Tagen auch viel rumgewandert auf der Parzelle. Dann habe ich langsam gesteigert. Mittlerweile ist die erste Parzelle runter gefressen und wir sind auf Parzelle zwei. Die wird jetzt wieder portioniert, weil das Gras jetzt so hoch ist, dass sie zu viel vertreten und verkoten würden, wenn man sie frei darauf fressen ließe. So kann ich auch ganz gut steuern wieviel Gras sie am Tag fressen können, vorausgesetzt es ist Strom am Zaun. Noch ist das Gras relativ jung und im Moment aufgrund der Trockenheit sicher noch zuckerreicher. Daher ist es mir wichtig, dass sie nicht unbegrenzt Gras fressen können. Bei mir gehen die Pferde direkt vom Paddock auf die Weide, dh sie können jederzeit zurück aufs Paddock zur Heuraufe und zum Wasser und in den Stall um sich etwas unterzustellen sollte es regnen oder die Fliegen zu lästig werden. Daher ist es kein Problem, wenn nicht unbegrenzt Gras zur Verfügung steht, weil eben das Heu in der Raufe genauso gefressen werden kann. Damit fahre ich seit unserem Einzug eigentlich sehr gut. Wird das Gras älter, darf mehr davon gefressen werden. Damit explodiert auch die Tinkerfigur nicht, wenn noch dazu für genug Bewegung gesorgt wird, und die Pferde sind sehr zufrieden, weil sie dennoch aufs Gras dürfen und selber entscheiden können ob und wann sie Gras oder Heu fressen.

Automatischer Weidezaunöffner- ein gutes Tool

In den ersten Wochen habe ich die Weide jetzt manuell geöffnet und geschlossen. Meist während meiner Stallarbeit. Mittlerweile sind die Pferde ganz gut angeweidet und das Gras ist eben portioniert, daher übernimmt mein automatisches Weidezaunöffner jetzt das Öffnen der Weide. Warum ich das am Anfang händisch mache, liegt schlicht daran, dass mein automatischer Weidezaunöffner zu ungenau programmierbar ist. Da kann ich nicht auf die Minute einstellen. Außerdem ist es so, dass wenn ich in der Arbeit bin, auch nicht immer genau sagen kann, wann ich wirklich nach Hause komme. Es kann schon mal etwas später werden. Das ist mir in der Anweidezeit einfach zu heikel. Daher mache ich das ganze händisch. Das ist durchaus eine Challenge, vor allem weil ich ungefähr den selben Tagesablauf haben möchte. Dh eigentlich sollen die Pferde immer spätnachmittags auf die Wiese gehen zum Angrasen. Manchmal funktioniert das aber nicht, weil ich da nicht zu Hause bin, oder aber vielleicht Regen gemeldet ist usw. Das will ich aber nicht zu oft haben. Die Tageszeit in der sie auf die Weide gehen soll möglichst gleich bleiben. Somit sind die ersten 3 Weidewochen im Jahr immer eine stressige Zeit für mich, bis dann eben mein automatischer Weidezaunöffner übernimmt und es dann auch nicht mehr so genau ist, ob eine halbe Stunde länger oder kürzer geöffnet ist. Heuer hat das Wetter sehr gut mitgespielt. Es war bis jetzt immer trocken seit die Pferde am Gras sind. Auch das ist mir wichtig, dass gerade in den ersten 3-4 Wochen täglich Gras zur Verfügung steht. In den Vorjahren war das schonmal eine Challenge. Vor 2 Jahren musste ich aufgrund einer langanhaltenden Schlechtwetterperiode die Pferde mitten in der Anweidephase wieder ein paar Tage von der Weide holen, weil der Boden zu sehr gelitten hätte. Als Ersatz gabs dann eben gemähtes Gras. Das ist dann auch ein Aufwand, aber mir ist in der Anweidezeit sehr wichtig, dass die Pferde kontinuierlich jeden Tag Gras bekommen, sodass die Darmflora sich ordentlich umstellen kann. Hat man diese Phase hinter sich macht es nichts aus wenn mal in einer längeren Schlechtwetterphase ein paar Tage mit Weide nichts geht.
Also alles in Allem nehme ich das Anweiden sehr ernst und versuche es möglichst schonend und sinnvoll durchzuführen. Wie schnell man die Weidezeit steigert, da scheiden sich die Geister. Ich glaube, dass kann man pauschal so nicht sagen, weil es einfach extrem von vielen Faktoren abhängig ist. Was habe ich für Pferde? Sind diese stoffwechselsensibel oder nicht? Wie ist das Gras auf der Weide? Wieviel steht überhaupt? Kann man erwarten, dass der Zuckergehalt durch äußere Umstände wie kalte Nächte, oder Trockenheit noch höher ist, als er es ohnehin in jungem Gras ist? Wie ist das Wetter? Wenn Schlechtwetterphasen angesagt sind, dann steigere ich davor noch nicht auf zu lange Dauer rauf, weil ich dann womöglich ein paar Tage nicht auf die Weide kann und dann Gras mähen muss oder wenn es eben erst ein paar Minuten sind die die Pferde auf Gras sind dann kann man auch mal Hand grasen gehen um 2-3 Tage zu überbrücken. Dann bin ich aber froh, wenn ich noch nicht zu viel Menge brauche und insgesamt ist nasses Gras, an kalten Tagen ohnehin nicht so gut "bekömmlich", dh da will ich gar nicht zu viel Gras haben. Daher ist der Anweidevorgang bei mir auch nicht jedes Jahr gleich. Ich denke die "Taktik" die ich heuer hatte mit dem gleich für 10 Minuten auf die erste Parzelle schmeißen werde ich wahrscheinlich beibehalten. Aber Steigerungszeit und Beginnzeitpunkt des Anweidens ist sehr situationselastisch bei mir. Das kann man finde ich überhaupt nicht voraus planen. Das muss man jedes Jahr ziemlich spontan entscheiden.
